Der Benediktinermöch und Zen-Meister Willigis Jäger und sein aufgeklärtes, ent­mythologisiertes Reli­gionsverständnis

Bernd Ehlert
(Coburg)

Willigis Jäger, geboren 1925, trat 1946 als Benediktinermönch in die Abtei Münster­schwarz­ach ein und studierte Philosophie und Theologie. Auf seinen Reisen im Rahmen kirchlicher Tätigkeiten kam er in Japan mit dem Zen in Kontakt, woraufhin er 6 Jahre in Zen-Klöstern verbrachte. 1996 erhielt er die volle Lehrerlaubnis als Zen-Meister, genauer als 86. Nachfolger des Buddhas, und gründete seine eigene Zen-Linie. Ein von ihm in Deutschland wieder­auf­gebautes und als „Zentrum für spirituelle Wege“ genutztes ehemaliges Kloster steht heute für „eine Spiritualität, die unter Berücksichtigung des zeit­genössischen Weltbildes und der modernen Wissen­schaften Antworten auf die Fragen des heutigen Menschen geben will“.

Die schlüssigen „Antworten auf die Fragen des heutigen Menschen“ werden ein­fach dadurch ermöglicht, weil Jäger dasjenige in der Religion konsequent relativiert oder eliminiert, was für viele Probleme verantwortlich ist: die religiöse Dogmatik und das damit verbundene anthropozentrische Selbst- und Welt­ver­ständnis. Auch die per­sonale Gottesvorstellung ist für Jäger nicht mehr haltbar (vgl. Titel Nr. 2 des Literatur­verzeichnisses, S. 14). Dabei beruft er sich neben seiner eigenen Medita­tions­­erfahrung auf alte, un­dog­matische christlich-mystische Traditionen, die vom dog­matischen Christen­tum stets verfolgt und unterdrückt wurden - so hat auch Jäger um­gehend für diese Thesen ein (von ihm nicht beachtetes) kirchliches Rede- und Lehrverbot erhalten.

„Der Gott im Himmel, zu dem wir als Kinder beteten, zerbricht“ (1, 50). Die gängige personale Gottesvorstellung sieht Jäger als „kindliche Religiosität“ (3, 120) an, die zum einheitlichen, wahren Göttlichen hin zu überwinden ist. So liegt die Bedeutung von Jesus für Jäger „nicht in seinem Sühnetod am Kreuz für eine sündhafte Mensch­heit, sondern dass er uns einen Weg in die Erfahr­ung der Einheit mit dem gött­lichen Urprinzip wies“ (1, 20). Wie schon bei dem griechisch-alexandrinischen Kirchenvater Origenes ist Jesus nicht Erlöser sondern Vorbild und Wegweiser - und darin kein personaler Gott.

Die Überwindung des personalen Gottesbildes betrifft umfassend das Er­lösungs- und das Weltverständnis:

„Das Jenseits ist nichts, was irgend­wann im Laufe der Zeit einmal kommen wird, sondern es ist das Jenseits der Zeit: die Zeitlosigkeit. Hat man sich das einmal klar gemacht, wird man nicht um­hin können, seine Vorstellung von Auferstehung und einem Leben nach dem Tod zu ändern. Denn nun zeigt sich, dass Auferstehung sich nicht zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort vollzieht, sondern hier und jetzt. Gott voll­zieht sich als Hier und Jetzt. Und Religion ist nicht der auf künftige Belohnung schielende Dienst an einem jenseitigen Gott, sondern der Vollzug des Hier und Jetzt – der Vollzug Gottes in unserem konkreten, täglichen Leben“ (1, 93).

Damit ist „die Vorstellung vom Jüngsten Gericht obsolet“ (1, 93). Auch die moralischen Regeln werden hier nicht direkt von einem personalen, weltlich handelnden Gott vorgegeben: „Im mystischen Erleben ist das, was wir 'böse' nennen, aus der göttlichen Wirklichkeit nicht herauszunehmen“ (1, 96). Die Strukturen von Welt und Jenseits sind strikt getrennt.

Jäger verabschiedet sich so vom Urtraum des Menschen, den der Mensch in der Religion zu erreichen sucht, nämlich die ewige Fortdauer des eigenen personalen Seins nach dem Tod. Die Religionen „garantieren, dass dieses Ich auf die eine oder andere Weise fortleben wird. Streicht man dieses Heils­ver­sprechen aus ihnen heraus, verlieren sie ihr Wesentliches. Die Mystik hin­gegen befreit von dem Wunsch nach Dauer des Ich“ (1, 97). Es gibt keine „Perpe­tuierung des Ich im Jenseits“ (1, 114). Jäger durchschaut den Versuch des Menschen sein personales Ich vor dem Tod zu retten, es zu verewigen und damit auch zu vergöttlichen, als reinen Egoismus in der heutigen Zeit: „Was der Mensch 'Person' nennt, ist eine falsche Person. Diese Person ist nichts anderes als unser Egobewusstsein, das sich als absolute Individualität erlebt und darin verdeckt, dass es sich von der Urwirklichkeit des göttlichen Lebens abgespalten hat. Zugänglich wird ihm die Urwirklichkeit erst dann, wenn sich das Egobewusstsein in der spirituellen Erfahrung transzendiert und in das kosmische Bewusstsein des göttlichen Lebens übergeht“ (1, 111).

Gemäß Jäger „braucht das Christentum eine vollkommen neue Inter­pre­ta­tion“ (1, 114). Dabei gilt: „Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft ent­spricht weitestgehend den spirituellen Erfahrungen der Mystik“ (1, 104). Das zeigt sich besonders im „'Idealismus' in der modernen Naturwissen­schaft“ in der Quantenphysik (vgl. 1, 19), bei dem die scheinbar absolute Trennung zwischen Beobachter und dem Beobachteten bzw. der Messung aufgehoben wird. „Die Materie allein existiert nicht“ (1, 19), d.h. sie erweist sich letztlich wie bei Kant nur als eine Erscheinung, hier bei Jäger als Erscheinung eines einheitlichen Urgrundes – genau wie der Mensch selbst.

Dieser einheitliche Urgrund der weltlichen Erscheinungen als das wahre Göttliche hinter den vorstellbaren Gottesbildern entspricht besonders der nega­tiven Theologie des mittelalterlichen Dominikanermönchs Meister Eck­hart, der für solche Auffassungen ebenfalls schon der Inquisition zum Opfer fiel. „Das Christentum versteht unter Gott per definitionem ein Gegenüber“ (1, 49), doch das ist nicht nur ein Grunddogma des Christentums, sondern schon des Judentums und des nachfolgenden Islams. So schreibt H.-J. Störig in seiner „Kleine[n] Weltgeschichte der Philosophie“: „Die Vorstellung einer weiten Kluft zwischen Gott und Mensch [ist] besonders den Religionen der semitischen Völker eigen; sie stammt aus dem alten Judentum“ (4, 213). Dieses Grunddogma setzt Jäger genau wie schon Eckhart außer Kraft, indem er wie im griechischen Neuplatonismus und der asiatischen Religiosität an­stelle der gegenüberstehenden personalen Gottesvorstellung den nicht per­so­nalen, einheitlichen Urgrund setzt, auch als letztes und höchstes Ziel des Menschseins.

Jäger vollzieht hier eine grundlegende Wende vom Dualismus zum Monismus. „Gott und Mensch verhalten sich zueinander wie Gold und Ring“, „sie sind Nicht-Zwei“ einer mystischen Einheitserfahrung, „in der es kein Ich und Du mehr gibt“ (vgl. 1, 49). Die Tiefe dieser Erfahrung bringt „die Er­fahrung der Einheit mit allen Wesen“ (3, 114) und kein separates und darin elitäres Erlösungsverständnis einer in Ewigkeit bestehenden absoluten Trennung. „Und darum finden wir in unserem tiefsten Wesen den ganzen Kosmos und erfahren in der Mystik die Einheit mit ihm“ (1, 110). Das ist im Grunde die unmittelbare Erfahrung dessen, was die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie bzw. darin unser Verstand zum Werden und Sein des Menschen aus der Materie nur theoretisch, abstrakt und in der Dualität ver­mitteln kann.

Diese Auffassung als Verbundenheit mit allem Sein hat dann allgemein und un­­mittelbar etwas mit unserem nicht mehr angepassten Selbst- und Welt­ver­ständnis, unserer Lebenswirklichkeit und und gerade heute mit unserer Zu­kunft zu tun: „Unser Ich-Bewusstsein hat sich in einen Egozentrismus hin­ein entwickelt, der den Untergang der Spezies homo sapiens bedeuten kann, wenn wir uns nicht rechtzeitig in Richtung eines kosmischen Bewusst­seins ent­­wickeln“ (3, 111). Es geht so nicht nur um die Erleuchtung einiger weniger Individuen, sondern auch „um eine vollkommen neue Sicht von Welt und Mensch [...], ein anderes Menschen- und Weltverständnis [...], das an die Stelle eines naiven Homozentrismus und Geozentrismus treten könnte“ (3, 32).

Literaturverzeichnis:

1. Willigis Jäger, „Die Welle ist das Meer“, Freiburg im Breisgau 2007

2. Willigis Jäger, „Westöstliche Weisheit“, Stuttgart 2007

3. Willigis Jäger, „Das Leben endet nie“, Freiburg im Breisgau 2010

4. H.-J. Störig, „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“, Frankfurt/M. 1988