Ist Lieben eine Kunst? Nachgefragt bei Erich Fromm

Lisz Hirn

“Ist Lieben eine Kunst? Wenn es das ist, dann wird von dem, der diese Kunst beherrschen will, verlangt, daß er etwas weiß und daß er keine Mühe scheut.”

Erich Fromm wird um 1900 in Frankfurt am Main geboren. Sein Interesse gilt schon früh der Psychologie und der Philosophie, insbesondere der praktischen Philosophie. In diesem Sinne schlägt er den Weg der Frankfurter Schule ein, die unter der Schirmherrschaft der berühmten Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer steht und sich mit der Innovation des marxistischen Gedankenguts auseinandersetzt. Wahrscheinlich wurde Erich Fromm in diesem Kreis zu seinen sozial-philosophischen Konzepten inspiriert.

“Wird die geistige Natur - die Kultur des inneren Menschens - vernachlässigt, dann bleibt die Selbstsucht die überwiegende und dominierende Kraft im Menschen, und auf eine derartige Ausrichtung paßt ein System der Selbstsucht - wie das kapitalistische - besser als ein System der Nächstenliebe.”

Wesentlich für Erich Fromm ist die Frage nach dem Sinn des Lebens, die vor allem für den westlichen Menschen akut ist. Er stellt, wie auch viele andere Denker, fest, dass sich ursprünglich die Religion mit dieser Frage auseinadergesetzt hat und sie “löste”. In den (post-) modernen Zeiten hat die (traditionelle) Religion, insbesondere die christliche, an Bedeutung eingebüßt. Fromm fragt sich nun, was an die Stelle der Religion treten könnte und ob es eine Alternative zur traditionellen Religion gibt.

“Der Mensch ist mit Vernunft ausgestattet; er ist Leben, das sich seiner selbst bewusst ist. Er besitzt ein Bewußtsein seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Vergangenheit und der Möglichkeiten seiner Zukunft. Dieses Bewußtsein seiner selbst als einer eigenständigen Größe, das Gewahrwerden dessen, daß er eine kurze Lebensspanne vor sich hat, daß er ohne seinen Willen geboren wurde und gegen seinen Willen sterben wird, daß er vor denen, die er liebt, sterben wird (oder sie vor ihm), daß er allein und abgesondert und den Kräften der Natur und der Gesellschaft hilflos ausgeliefert - [...]. Er würde dem Wahnsinn verfallen, wenn er sich nicht aus diesem Gefängnis befreien könnte - wenn er nicht in irgendeiner Form seine Hände nach anderen Menschen ausstrecken könnte und sich mit der Welt außerhalb seiner selbst vereinigen könnte.”

In gewisser Weise hat sich die psychoanalytische Bewegung dieses Problems nach Sinn angenommen bzw. von den Priestern übernommen. Die wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse war die Verknüpfung von geistig-seelischen Erkrankungen mit ethischen Problemen. Diese Verbindung thematisieren auch Religion und kirchliche Institutionen. Die Frage ist nun: Sind Psychoanalytiker und Priester Verbündete oder Feinde? Fromm meint, dass Psychoanalyse und Religion weder unversöhnliche Gegensätze sind noch eine Gleichheit der Interessen aufweisen können. Wirklich wichtig ist nicht die Entscheidung, ob der Mensch an Gott glaubt, sondern ob der Mensch die Liebe lebt und die Wahrheit denkt. Ihm geht es darum, dass die konstruktiven, menschlichen Potentiale gefördert werden und schädliche Einflüsse auf den Menschen abgewehrt werden können. Sowohl Religion als auch Psychoanalyse haben positive wie auch negative Ausformungen. In seinem Buch Psychoanalyse und Religion nimmt sich Erich Fromm dieses Themas an.

“Heute sind es nicht [L. Hirn: Götter wie] Baal und Astarte, welche die kostbarsten geistig-seelischen Güter der Menschen bedrohen; vielmehr sind diese durch Vergöttlichung des Staates und der Macht in autoritären Ländern in unserer Kultur durch Vergötzung der Maschine und des Erfolgs gefährdet.”

Anders ausgedrückt: Fromm interessiert, welche Art von Religion gewählt wird, obgleich er den Begriff “Religion” sehr weit fasst. Religion beginnt mit einem Objekt der Hingabe. Dieses Objekt kann sowohl ein Mensch, Wissenschaft, Gott oder Geld etc. sein. Fromm beurteilt jede “religiöse” Ausformung nach ihrem positiven Einfluss auf die Entwicklung des Menschen und auf die Vergrößerung der Vernunft und auf die Verminderung des Leidens in der Welt. Der Denker weist darauf hin, dass der ;Mensch Orientierung im Leben sucht und braucht, genauso wie ein Objekt der Hingabe und Ideale, nach denen er sich richten kann.

“Wenn religiöse Lehren zum seelischen Wachstum, zur Stärke, Freiheit und Glücksfähigkeit ihrer Gläubigen beitragen, erkennen wir die Früchte der Liebe. Wenn sie die Einengung menschlicher Möglichkeiten, Unglücklichsein und Mangel an Produktivität zur Folge haben, können sie nicht aus der Liebe geboren zu sein, gleichgültig, was das Dogma zu vermitteln vorgibt.”

Die gegenwärtige Ausrichtung fokussiert “Götzenbilder” und “Trugbilder” wie Geld und unbegrenzte (wirtschaftliche) Macht, die wegen ihrer Maßlosigkeit zu großer Inhumanität führen, die (augenscheinlich) ein extremes Problem unserer Zeit ist. Aufgrund dieser Problemstellung plädiert Fromm für einen “neuen” Humanismus und erstellt das Konzept einer humanistischen Religion, die sich darauf konzentriert, die menschlichen Kräfte zu fördern, inklusive die menschliche Vernunft, und vor allem das Prinzip des Liebens, welches Fromm als grob vernachlässigt empfindet. Seine Diagnose: Akute Liebesunfähigkeit. Seine Medikation: Die Thesen seines Buches Die Kunst des Liebens, dieses ist eines der bekanntesten Werke von Erich Fromm.In ihm geht Fromm dem Phänomen des Liebens und seiner Entartung in der (westlichen) Welt nach und versucht sich gleichzeitig als Aufklärer und Lehrer.

Zu Lieben ist ein schwieriges Unterfangen; kaum eines ist von so vielen Hoffnungen und Fehlschlägen begleitet. Lieben ist ein Kunst wie Leben eine Kunst ist. Diese Kunst kann man erlernen.

Lieben muss man lernen. Es ist ein aktives Tun, ein aktiver Austausch des Seins, kein statisches Gebilde oder gar eine passive Erwartungshaltung einem anderen Menschen gegenüber. Die eigene Liebesfähigkeit muss ebenso reifen, wie die gesamte Persönlichkeit, noch dazu da es verschiedene Formen des Liebens gibt - von der erotischen Liebe über die Selbstliebe zur mütterlichen Liebe und vieles mehr.

“Wenn Liebe eine Fähigkeit des reifen, produktiven Charakters ist, so folgt daraus, daß die Liebesfähigkeit eines in einer bestimmten Kultur lebenden Menschen von dem Einfluß abhängt, den diese Kultur auf den Charakter des Durchschnittbürgers ausübt.”

Das leitet uns zu Fromms Interesse für gesellschaftliche, sprich soziale, Belange weiter. Diese behandelt er in dem Werk Haben oder Sein. Der Sozialphilosoph geht davon aus, dass das Individuum, das notwendigerweise in einer gesellschaftlichen Struktur lebt, in Wechselbeziehung mit dieser steht. Das ist kein neuer Gedanke. Denker wie Marx, Freud und Nietzsche haben (unter anderen) darauf hingewiesen, dass der Durchschnittsmensch ein “Herdentier”, das auf Konsum ausgerichtet und dessen Bedürfnisse kontrolliert werden. Quasi: Was wir tun wollen, ist was wir tun sollen. Fromm schreibt in Haben oder Sein:

“Wir sind, wofür wir uns hingeben undan was wir uns hingeben, das motiviert unser Verhalten.”

Die Frage ist nun, wofür wir uns hingeben? Was sind unsere Motive? Was unsere Bedürfnisse? Und wie sehr halten wir die von der Gesellschaft geschürten Bedürfnisse für unsere wirklichen? Fördern diese die menschlichen Potentiale der Vernunft, Wahrheit und Liebe?

Auffallend in unserer (westlichen) Gesellschaft ist der “Marketing-Charakter” jedes Individuums. Der Einzelne präsentiert sich als Ware auf dem Tauschmarkt. Ziel ist es optimal zu funktionieren, um sich bestens zu verkaufen. Diese optimale Funktionieren wird durch die natürliche, emotionale Struktur des Menschen “gefährdet” beziehungsweise eingeschränkt. Die Unterdrückung/ Leugnung/ Verdrängungder Emotionen, um effektiver “funktionieren” zu können, führt zur Verkümmerung des Gefühllebens und somit zu einem Verlust der Liebesfähigkeit.

“Liebe und Ehrfurcht vor dem Leben in allen seinen Manifestationen zu empfinden und sich bewusst zu sein, daß weder Dinge noch Macht, noch alles Tote heilig sind, sondern das Leben und alles, was das Wachstum fördert.” - das heißt, dass das Sein, dem Haben vorzuziehen ist.

Um “gut-zu-leben” sind Vernunft- und Liebesfähigkeit die notwendigen Voraussetzungen. Diese zu fördern ist, wie oben beschrieben, Fromms Absicht.

“Wir Menschen haben ein angeborenes, tief verwurzeltes Verlangen zu sein: unseren Fähigkeiten Ausdruck zu geben, tätig zu sein, auf andere bezogen zu sein, dem Kerker der Selbstsucht zu entfliehen.”

Was bleibt vom Schaffen Erich Fromms?

Zum einen ein festes Bekenntnis zu einemneuen Humanismus, zum anderem Werke wie Haben oder Sein, Psychoanalyse und Religion, Die Kunst des Liebens, Die Furcht vor der Freiheit, Psychoanlayse und Ethik und Der moderne Mensch und seine Zukunft,die aufgrund ihrer zeitlosen Thematik nichts an Aktualität verloren haben. Es gibt sogar eine Erich-Fromm-Gesellschaft in Tübingen, Deutschland, die Fromms Gedankengut fortführt. Fromm kommt nicht aus der Mode, weil er gegen die Mode ist. Für ihn steht der Mensch und seine Zukunft im Zentrum, die er akut bedroht sieht - einerseits von der gesellschaftlichen Situation, die das Individuum und seine geistig-seelischen Fähigkeiten beschränkt, andererseits von der technologisch-globalen Situation die die Existenz der gesamten Menschheit gefährdet. Was könnte im Angesicht dieser Bedrohung helfen außer der Vernunft und Liebe? Fromm ist kein weltfremder Utopist; er ist ein praxisbezogener Denker, der verändern und nicht nur theoretisieren will.

Fazit: Erich Fromm kann mit gutem Gewissen als Pionier eines (post-) modernen Humanismus gesehen werden. Und dieser ist zu unseren Zeiten besonders notwendig. Dies soll die abschließende Textstellebezeugen:

“Die Liebe zu einer Idee oder zu einem Menschen, ist still, nicht schrill;
sie ist ruhig, tief;
Sie wird jeden Augenblick geboren, aber ist kein Rausch.
Sie ist keine Trunkenheit,
Sie führt nicht zur Selbstvergessenheit,
sondern erwächst aus der Überwindung des Ego.”

Diese (Selbst-) Überwindung bleibt unsere lebenslange und herausforderndste Aufgabe. Durch sie finden wir zum “guten” und vor allem zum “sinn- und wertvollem” Leben. Unsere Mitmenschensind nicht nur unsere Gegner, sondern auch unsere Hoffnung auf unsere eigene Entwicklung.

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