„Quel peuple!“

Fritz Sterns Erinnerungen an Deutschland

Fritz Stern: Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. Aus dem Englischen von Friedrich Giese. München (dtv) 2009. 675 Seiten. EURO (D) 12,90. ISBN: 978-3-423-34561-3.

Daniel Krause
(Krakow/Polen)

„Wie man erzählt, soll er [de Gaulle] in den Ruinen von Stalingrad gegen­über einem Begleiter geäußert haben: „Quel peuple!“ Der Dolmetscher er­kund­igte sich: „Meinen Sie die Russen?“ „Nein“, sagte de Gaulle, „die Deutschen.“ (9)

Es sind nicht zuletzt solche Begebenheiten, en passant dargeboten, die Fritz Sterns Erinnerungen lesenswert machen. Kein Autor der jüngeren Generationen könnte derart überzeugend Geschichte in Geschichten erzählen. Die Kraft der Anekdote ist die Stärke der Fünf Deutschland. Dies gilt nicht zuletzt dort, wo Stern in eigener Person ‚Geschichte machte’ – als er, wie oft kolportiert, Margaret Thatcher deren tief verwurzelten Wider­willen gegen die deutsche Wiedervereinigung ausredete. NB: Recht be­sehen gelang ihm dies nicht. Allein die beschränkten Wirkungs­mög­lich­keiten der gewesenen Weltmacht Großbritannien machten Thatchers Ob­struk­tions­politik zunichte:

„Natürlich war die deutsche Vergangenheit eine schwere, nicht abzuwerfende Bürde, aber sie war für die gegenwärtige Situation doch von begrenzter Relevanz [...]. Wir ‚Experten’ vertraten diese Auffassung mit umso größerem Nachdruck, je deutlicher uns wurde, wie tief bei der Premierministerin der Argwohn und die Abneigung gegen die Deutschen waren. [...] Sie war sich sicher, daß die Deutschen ihre neugewonnene Macht ausnutzen würden, um die Europäische Gemeinschaft zu dominieren und die alte Mission zu verwirklichen, die sie sich selbst in Osteuropa gesetzt hatten.“ (593f)

Und weiter, in bizarrer Überspitzung:

„In einer Teepause ergab es sich zufällig, daß ich direkt neben Mrs. Thatcher stand, und da die anderen ein wenig weiter weg waren, entspann sich ein kurzes Gespräch. [...] Sie zog gehörig über die Franzosen her, mit denen nichts anzufangen sei, und flocht noch eine Bemerkung über die Italiener ein, die leichtsinnig und unzuverlässig seien, um dann hinzuzusetzen: „Die einzigen, denen man vertrauen kann, sind die Holländer.“

Ich sagte vorsichtig: „Frau Premierminister, das könnte nicht ganz ausreichen.““ (594f)

Dergleichen mag lustig sein. Wenn Stern aber Vier-Augen-Gespräche mit ein­flussreichen sowjetischen Funktionären schildert, und deren Ein­ge­ständnis en passant, dass die viel beschworene, bis heute kontrovers disku­tierte Stalin-Note des Jahres 1952 – sie schien die Wiedervereinigung zu ermöglichen, unter Voraussetzung deutscher Neutralität – ein Täusch­ungs­manöver darstellte. Wenn Stern aus erster Hand von Neocons der ersten Stunde berichtet (Irving Kristol, Midge Decter, Norman Podhoretz), mithin über die Vorgeschichte des verheerenden Unilateralismus Reagans und George W. Bushs – dann vergeht dem Leser das Lachen recht bald.

Fritz Stern hat Geschichte nicht allein ‚mitgestaltet’ und im Gespräch mit Mächtigen ‚vom Feldherrenhügel aus’ kommentiert, sondern – vor allem – erlitten: als Sohn deutscher jüdischer Eltern, 1926 in Breslau geboren, der fliehen muss, um der Verfolgung durch Landsleute zu entgehen. In den USA schlägt Stern die wissenschaftliche Laufbahn ein und bringt es – neben Gordon A. Craig – zum angesehensten amerikanischen Experten für deutsche Geschichte. Fachliche Kenntnis, persönliches Erleben und erzähl­er­isches Talent– günstiger könnten die Voraussetzungen nicht sein für ein Er­innerungsbuch, das auf 800 Seiten deutsche und Weltgeschichte, ge­spiegelt im Leben eines einzelnen Menschen, zur Darstellung bringt. Es dehnt sich zeitlich von der Weimarer Republik über Nationalsozialismus und deutsche Teilung samt Wiedervereinigung zur rot-grünen Kanzler­schaft Schröders aus, von der Weltwirtschaftskrise zur unilateralen Ver­suchung der amerikanischen Supermacht: Acht Jahrzehnte Weltge­schehen, souverän gerafft.

„Fünf Deutschland“ und ein gutes Stück Weltgeschichte, in einem Band verdichtet: Gewisse Ungenauigkeiten sind in diesem Rahmen nicht zu vermeiden. Das betrifft beispielsweise u. a. Sterns Erörterungen zu Polen in kommunistischer Zeit: Dass Edward Gierek, Parteichef der siebziger Jahre, eine „Art gewaltsamer industrieller Modernisierung“ (486) des Landes erstrebte, ist nicht falsch. Dass aber wenig Konsumgüter herge­stellt oder eingeführt wurden, der Lebensstandard sank, trifft auf die ersten Jahres Giereks nicht zu: Sie werden bis heute von vielen als Goldenes Konsumzeitalter (nach kommunistischem Maßstab) gepriesen. Was deutsche Zeitgeschichte betrifft, bleiben Sterns Einlassungen zu den Hintergründen des NATO-Doppelbeschlusses, wenngleich sie in keinem Punkt ‚falsch’ sind, recht holzschnittartig. Weshalb die Nachrüstung durch Mittelstreckenraketen notwendig schien – nach Meinung Helmut Schmidts und anderer –, um einer vermeintlichen oder tatsächlichen Überlegenheit der Sowjetunion zu begegnen, wird nicht deutlich. Wohlgemerkt: Solche ‚Mängel’ sind dem Format einer Darstellung geschuldet, die mindestens achtzig Jahre Geschichte umfasst: In raffender Vogelschau treten Kon­tur­en deutlich hervor, um den Preis, dass manches Einzelheit nicht aus­ge­leucht­et werden kann. Man bedenke auch dies: Fünf Deutschland wurde zu­nächst für eine amerikanische Leserschaft geschrieben (Five Ger­manys I have known, New York 2006), muss demnach auch als Pro­pä­deutik deutscher Geschichte dienen.

An Sterns Kompetenz in der Sache lässt sich vernünftig nicht zweifeln, und viele Kapitel sind überaus lehrreich: So die Erläuterungen zum ‚Historikerstreit’ der achtziger Jahre, der tendenziell revisionistische Deutungen des Nationalsozialismus aufs Tapet brachte. Stern zeichnet ein auf persönliche Kenntnis gegründetes Charakterbild des Protagonisten, Ernst Nolte, das Deutlichkeit im Urteil nicht vermissen lässt:

„Ich hatte ihn zunächst für einen naiven Gelehrten gehalten – er hatte das Gebaren eines typischen deutschen Philosophen –, und eine Zeitlang nahm ich fälschlich an, daß er nicht wusste, was er tat, daß er mehr Metaphysiker als Historiker sei. Aber jedes weitere Buch von ihm befreite mich von dieser wohlwollenden Illusion, denn mit jedem ‚relativierte’ er die Nazizeit mehr [...].“ (552f)

Wie den Historikerstreit bringt Stern manch andere geschichtspolitische Ver­wirrungen und Initiativen der achtziger Jahre zu Bewusstsein: Kohls/Reagans Gedenken am Bitburger Soldatenfriedhof, mithin an Gräbern von Offizieren der Waffen-SS (1985), oder Richard von Weiz­säckers epochale Rede zum vierzigsten Jahrestag der deutschen Nieder­lage und Befreiung. Auch dies ist ein hohes Verdienst: Die längst ver­blasste bundesrepublikanische Vorwendezeit wird eindringlich ver­gegen­wärtigt.

Das zentrale Lebensproblem Sterns – und die wichtigste Darstellungs­auf­gabe, wann immer die Rede von deutscher Geschichte geht – ist freilich ein anderes:

„Ich habe zwar nur fünf Jahre im nationalsozialistischen Deutsch­land gelebt, doch diese kurze Zeit genügt, um in mir die brenn­ende Frage aufzuwerfen, deren Be­ant­wortung mich während meiner akademischen Tätigkeit umtrieb: Warum und auf welche Weise ist das universelle Potential der Menschheit zum Bösen in Deut­sch­land Wirklichkeit gewordenKr? Jahrzehnte der Forschung und Erfahrung haben mich zu der Überzeugung gebracht, daß die deutschen Wege ins Ver­derben, ein­schließ­lich des Nationalsozialismus, weder zufällig noch unausweichlich waren. [...] Und ich bin zu der Einsicht gelangt, daß kein Land immun ist gegen die Ver­such­ungen solcher pseudo-religiöser repressiver Bewegungen, wie ihnen Deut­sch­land erlag. Die Zerbrechlichkeit der Freiheit ist die einfachste und tiefste Lehre aus meinem Leben und meiner Arbeit.“ (9f)

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