Besprechung von „Neuplatonismus und Ästhetik: Zur Trans­formationsgeschichte des Schönen.“

von Olejniczak Lobsien, Verena/ Olk, Claudia (Hg.), de Gruyter, Berlin, New York 2007. ISBN: 978-3-11-019225-4

Stefan Lorenz Sorgner

(Jena/ Deutschland)

Die Artikel des Bandes „Neuplatonismus und Ästhetik“ sind durchweg von hoher Qualität. Bei der Lektüre wird sofort bemerkbar, dass die Autoren führende Forscher auf ihrem jeweiligen Gebiet sind. Jedoch weist der Band einen Mangel auf, den er mit den meisten Tagungsbänden teilt: Er ist nicht durchkomponiert (eine klare Struktur ist nicht vorhanden), er vernachlässigt zahlreiche wichtige (Renaissancekunst, deutscher Idealismus), behandelt einige weniger zentrale Themen und wiederholt mehrmalig einige bekannte Positionen der Philosophie Plotins (dass das Schöne bei Plotin nicht in erster Linie mit der Symmetrie verbunden ist), dabei gibt er jedoch keine komplexere Darstellung seiner Position. Der Leser erhält daher ein einführendes Verständnis der Konzeption des Schönen im Neuplatonismus und dessen Rezeption bei einigen in der vorhandenen Literatur in diesem Zusammenhang nur selten behandelten Autoren. Ein durchkomponierter Band zu diesem spannenden Thema, in dem die Konzepte des Schönen neuplatonischer Philosophen der Spätantike (Plotin, Iamblich, Proklos, Porphyrios, Dionysius Areopagita) und der Renaissance (Ficino, Pico), Renaissancekünstler und -kunsttheoretiker (Alberti, Castiglione, Palladio), Barockkünstler (Carracci) und deutscher Idealisten (Hegel, Schelling) jeweils in einem Artikel dargestellt werden bleibt ein Desiderat.

Besonders lesenwert und von herausragender Relevanz für das Thema sind die Artikel von Jens Halfwassen („Schönheit und Bild im Neuplatonismus“), Arbogast Schmitt („Symmetrie und Schönheit: Plotins Kritik an hellenistischen Proportionslehren und ihre unterschiedliche Wirkungsgeschichte in Mittelalter und früher Neuzeit“) und Thomas Leinkauf („Der neuplatonische Begriff des ‚Schönen’ im Kontext von Kunst- und Dichtungstheorie der Renaissance“).

Halfwassen stellt in seinem Beitrag dar, dass Schönheit im Neuplatonismus stets im Erscheinen und Sich-Zeigen liegt, wobei er auch auf die Bedeutung des Bild-Abbild-Verhältnisses bei Platon eingeht. Hieran, so Halfwassen, werde deutlich, dass Schönheit in diesem Denken stets von metaphysischer Relevanz und mit dem „Erscheinen des Einen, als Vorschein des Absoluten“ (S. 44) verbunden sei, was wiederum in der Kunst und Schönheit der sinnlich erfassbaren Welt geschehe. Bei Dionysius Areopagita könne man das folgende Konzept des Schönen finden, das deutlich Platons Aussagen zum Schönen im „Symposium“ rezipiere: „Schönheit ist ein universaler Charakter alles Seienden“ (S. 45), „Schönheit ist für das Sein alles Seienden konstitutiv“ (S. 46), „Schönheit ist Manifestation des überseienden absoluten Einen“ (S. 46). Prägend für die Schönheitsmetaphysik sei die Konzeption des Begründers des Neuplatonismus, Plotin, gewesen. Alles Seiende sei bei Plotin zwar schön, jedoch müsse die Schönheit abgestuft werden, da sie auf Einheitlichkeit beruhe. Je höher nun das Maß der Einheitlichkeit bei einem Seienden sei, desto schöner sei der betroffene Organismus. Da eine immaterielle und teilbare Seele ein größeres Maß an Einheit habe als ein Organismus, sei auch deren Schönheit größer. Eine noch höhere Stufe an Schönheit komme der Idee als „ewige und unzeitliche Einheit eines reinen Wasseins“ zu. Den im Geist, im nous, sich befindenden Ideen komme bei Plotin die höchste und ursprünglichste Schönheit zu. Allgemein ließe sich weiterhin hinzufügen, dass je schöner etwas ist, es auch „seiender“ und einheitlicher ist. Sein sei hier der „Inbegriff aller Bestimmtheit“ (S. 49), weshalb auch reines Sein ohne Schönheit nicht gedacht werden könne. Die Ebene des Geistes ist selbstverständlich nicht die höchste, sondern sie ist nach Plotin ein „Bild des Einen“ (V, 1, 7, 1). Das Eine wiederum bleibe „jenseits aller Bestimmungen und jenseits allen Seins“ (S. 50). Außerdem wirke das Eine, das der Ursprung von allem sei, einen Zug aus, der sich im Geist als Schönheit zeige. Die sich auch in der sinnlichen Schönheit manifestierende erotische Anziehungskraft repräsentiere letztlich das „Angezogenwerden durch das Absolute“ (S. 51). Dem Absoluten, dem Einen komme Überschönheit (VI, 7, 33, 20) zu, „Schönheit über Schönheit hinaus“ (S. 51). Von ihrem Ursprung her sei Schönheit keine Form oder Struktur, da auch das Eine aller Bestimmtheit vorausgehe. Jede Form und Struktur sei somit nur ein Erscheinen der „ursprünglich formlosen Schönheit“ (S. 52). Auf dieser Grundlage entwickle Plotin eine von Platon abweichende Kunstphilosophie. Wahre Kunst imitiere keine Naturgegenstände. Vielmehr gehe der Urheber solcher Kunst analog der Natur vor und könne das Wesen, die Idee unmittelbar schauen. Die Konzeption habe mindestens drei Implikationen: In der geistigen Anschauung des Künstlers sei die Schönheit in höherem Maße als im Kunstwerk; der Künstler ahme im Rahmen des Produktionsprozesses den göttlichen Geist nach, der sich selbst anschaue und so die Natur erschaffe; wie die Ideen im absoluten Geist, so könne man auch die Ideen im Kunstwerk nicht diskursiv begreifen, sondern intuitiv anschauen. Auf diese Weise rehabilitiere Plotin Platons Kritik an der Wahrheitsfähigkeit der Bildkunst.

Schmitt thematisiert Plotins Ablehnung, dass Schönheit in symmetrischen Maßverhältnissen bestehe, was Platon und Aristoteles hingegen bejahten. Dass Plotin diese platonisch-aristotelische Position kritisieren wollte, sei jedoch unwahrscheinlich, da er seine Schriften als erklärende Auslegung von Platons Philosophie verstanden habe. Schmitt bemüht sich darzulegen, dass Plotin ein vor allem von der Stoa vertretenes Schönheitskonzept, das im damaligen Zeitgeist vorherrschend gewesen sei, habe kritisieren wollen. Gemäß dem stoischen Konzept sei die Schönheit nicht in einzelnen Elementen sondern stets in dem Verhältnis der Teile einer Sache zueinander zu finden. Plotin betont hingegen, dass auch etwas Einfaches schön sein könne, wie etwa ein Ton oder eine Farbe. In der Schönheit manifestiere sich stets das Wesen einer Sache und dieses habe weder Form, Farbe noch Struktur. Auch die Seele sei dem wesenhaften Sein verwandt, weshalb sie, wenn sie etwas Schönes erblickt, die Ähnlichkeit mit dem, was wesenhaft ist, erkenne und sie das Schauen des mit ihr Verwandten erfreue und anziehe. Nicht die Proportionen, die sich aus festgelegten Zahlenverhältnissen ergeben, seien verantwortlich für die Schönheit, sondern die Gegenwart des Widerscheins der Form, des Wesen, der Idee einer Sache. Die Erinnerung an die Idee gründe die Liebe zum Schönen und zeichne die höheren Sinne, Auge und Ohr, und deren im Geist befindlichen Fundament aus. In der Idee könne man zwar keine Entsprechung der äußeren Symmetrie finden, jedoch lehne Plotin es auch nicht ab, dass sich Schönheit in der Symmetrie der Teile ausdrücken könne. Nur bestehe das Wesen der Schönheit nicht in der Symmetrie, d.h. in bestimmten Größen- und Zahlenverhältnissen, wie dies von der Stoa vertreten worden sei. Im Gegensatz zum Neuplatonismus Plotins sei das Konzept der Schönheit des Renaissance Neuplatonismus sachlich näher mit der stoischen Weltdeutung verwandt.

Auch Leinkauf geht auf die Ablehnung der Proportionalität, Symmetrie und Wohlgefügtheit als Wesen der Schönheit aus neuplatonischer Sicht ein und betont die Relevanz der Idee für die Schönheit, weshalb die Schau der Idee durch den intellektuell befähigten Künstler dessen Potential ausmache. Im Zentrum seiner Abhandlung stehen kurze Darstellungen der Konzeptionen Plotins, Albertis, Ficinos und Brunos. Von zentraler Relevanz für die Schönheitskonzeption Plotins sei, dass eine Form/Idee einen Stoff vollständig durchdringe. Wenn man davon ausgehe, dass Schönheit in der Proportion begründet liege, könne es nichts schönes Einfaches und auch nichts schönes Vielheitliches geben, in dem nicht das Vielheitliche eines angemessenen Verhältnisses hinzugetreten sei. Er hält es jedoch für erwiesen, dass es Einfaches und Vielheitliches gibt, was schön ist, ohne dass das Vielheitliche eines angemessenen Verhältnisses hinzugetreten ist. Der Kunsttheoretiker und Künstler Alberti wiederum bringe die Schönheit in den Zusammenhang mit dem Zusammengefügten und einem darüber hinausgehenden Wissen von der reinen Form, so Leinkauf, wobei ein Künstler weiterhin auch das Wissen eines Mathematikers haben müsse. Dessen Konzeption sei in einigen Bezügen der von Ficino sehr ähnlich, der in einem Kommentar zu Plotins Enneade I, 6 Schönheit als Form bezeichnet habe, die wiederum in dem reinen Guten begründet liege. Das Erstreben der Schönheit werde nach ihm nicht durch einen Instinkt sondern vielmehr durch eine Passion erfahren. In der Nachfolge Ficinos beschreibe Diaceto drei Wege zur Erfahrung des Schönen: die Dialektik, die Liebe und die Erfahrung der Musik, bei der Hörer sich von der auf der Zahl aufbauenden Musik zum geistig Schönen bewege. Auch bei Giordano Bruno finde sich die Schönheit nicht primär in einer Struktur sondern im Geistigen. Die von Leinkauf beschriebene Traditionslinie mache die große Wirkmächtigkeit der Schönheitskonzeption Plotins deutlich.

Eine systematische Übersicht hinsichtlich des Verhältnisses von Neuplatonismus und Ästhetik liefert der Sammelband nicht, jedoch erhält der Leser einen gut informierten Einblick in einige ausgewählte Bereiche des Themas, was die Anschaffung des Bandes lohnenswert macht.

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