TODES ERFAHRUNG

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst; Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

VOR DEM SOMMERREGEN

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark

ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus;
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß

erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als durften sie nicht hören was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind. 

Handreichungen zu Charles Taylor

Bernd Villhauer

Literature

Der angelsächsische Philosoph Charles Taylor gehört nicht zu den besonders bekannten ausländischen Denkern, die in Deutschland diskutiert werden. Wohl ist sein Name nicht unbekannt, aber seine Werke gehören nicht zu denen, die im Mittelpunkt von Debatten standen. Am bekanntesten dürfte Taylors Hegel-Buch sein, das 1978 in deutscher Sprache erschien und 1983 auch als Suhrkamp-Taschenbuch (stw 416) vorgelegt wurde. Ebenfalls bei Suhrkamp erschienen die Bücher “Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen“ (1975), sowie “Negative Freiheit ? - Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus“ (1988, 1992 als stw 1027).

Life

1931 geboren, kanadischer Herkunft, studierte Taylor zunächst an der McGill University (Montreal), später in Oxford. Dort trat er nach seinem Studium eine Professorenstelle an, um später wieder nach Montreal zurückzukehren. Freund und Schüler Isaiah Berlins; er arbeitete einerseits im Umfeld der analytischen Philosophie, fühlte sich aber ebenfalls von existential-phänomenologischen Fragestellungen angezogen, die er durch die Lektüre der

französischen Nachkriegsphilosophie (besonders Merleau-Ponty) kennenlernte. Während der Zeit seiner Anwesenheit am All Souls College in Oxford engagierte sich Taylor für den Aufbau linker Organisationen in Großbritannien. Gemeinsam mit Doris Lessing, Edward P. Thompson und Stewart Hall beteiligte er sich an der Redaktionsarbeit für die neuge­gründete Zeitschrift “Universities and the Neu Left“, die später zur “New Left Review“ fortentwickelt wurde, einem der wichtigsten theoretisch-politischen Blätter des damaligen England. 1964 veröffentlichte er “The Explanantion of Behaviour“, worin Perspektiven analytischer Philosophie untersucht werden, die nicht streng behaviouristischen Beschränkungen unterworfen sind. Und darum sollte es auch im weiteren gehen. Erweiterung des analytischen Ansatzes um Erkenntnismöglichkeiten, die von den orthodoxen Vertretern der Richtung als “unwissenschaftlich“ abgelehnt wurden, Dies unter dem politischen Vorzeichen, den Menschen als Gesellschaftswesen in der ganzen Breite seiner Handlungs- und Denkoptionen philosophisch zu fassen.

Lecture

Es gibt eine große Spannbrejte von Möglichkeiten bei der Überschreitung des reduktion­istischen Menschenbildes, das aus der materialistisch-mechanistischen Tradition ent­standen ist. Eine Variante ist die der Wiederankopplung an einen metaphysischen Zu­sammenhang oder die irrationalistische Spielart der Schaffung von Zonen der “Nicht-Begreifbarkeit“, „Nicht-Formulierbarkeit“ und ähnlichem, Taylor bleibt auf dem rational nachvollziehbaren, kommunikativen Teppich und beschreibt den Menschen dennoch als ein Wesen, das weit mehr ist, als ein Reiz-Reaktions-Apparat Beispielsweise entwickelt er Ansätze zur Analyse der Selbstdefinition von Individuen, die in ihr schon Wertalternativen vorwegnehmen, Ein Handeln in der Gemeinschaft ist ohne Bezugnahme auf das situa­tionsgebundene Selbstverständnis der handelnden Subjekte gar nicht angemessen auf­zufassen: Der Erklärung der Handlung muß daher ein hermeneutisches Verstehen der jeder unmittelbaren Beobachtung entzogenen Perspektive des Handelnden unbedingt vor­hergehen.

Luxury

Alle Bücher Taylors können als Bausteine zu einer Konzeption vom Menschen begriffen werden, die dessen kommunikativen Fähigkeiten und seiner Einbindung in soziale Wechselbeziehungen gerecht zu werden versucht. Wegen der Betonung der sozialen Abhängigkeit des Individuums wird Taylor auch gerne der Bewegung des “Communitarianism“, die vor allem in Amerika größere Bedeutung hat, zugerechnet.

Mit seiner Bemühung, umfassendere Kompetenzen des Menschen zu erkennen, setzt sich Taylor natürlich in krassen Gegensatz zu reduktionistischen und formalistischen Theorien.

Analytische Philosophie, die nicht langweilt! Selten gesehen, doch hier wird‘s zum Ereignis. Wie so die Aneignung und Verarbeitung auch der unterschiedlichsten philosophischen Traditionen möglich wird, zeigt sein großes Buch über Hegel. Ein freier Blick, der nicht durch pseudowissenschaftliche “Gschaftlhuberei“ mit Formeln und Gleichungen verbaut wird, Gerade ein dezidiertes Interesse (und zwar ein politisches) weckt die Faszination.

Vielleicht banal: der philosophische Diskurs, die Kommunikation, nicht als Ziel, gerade das nicht, sondern ein Sich-Aussprechen persönlichster Art, das aber selbstverständlich im Diskurs steht und Annäherung nicht verhindert.

Bleibt zu hoffen, daß bald eine deutsche Übersetzung der wichtigen “Philosophical Papers“ von 1985 möglich wird, die vollständig ist.

Ich empfehle, die Werke Charles Taylors‘ zu kaufen, zu lesen und zu verbreiten.

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