Vernunft als „eine Fähigkeit zu wachem Handeln“

Zum Vernunftverständnis C. F. von Weizsäckers

Christian Danz

Ein zentrales Thema von Weizsäckers ist die fundamentale Krise der Neuzeit ‚ deren kumulativer Höhepunkt noch vor uns liegt. Diese Krise, die sich in den Bereichen Theorie, Praxis und Kunst äußert, ist nun nicht etwa nur das Produkt der Neuzeit. Vielmehr ist, so von Weizsäcker, die Menschheit, seit ihrem Eintritt in die Hochkulturen, vor Probleme gestellt, die sie nicht zu lösen im Stande war.

Mit dem Eintritt in die Hochkulturen ging eine Loslösung einher, die man als eine Abkopplung des Menschen von einem “elementareren Leben“ bezeichnen kann. Die Kultur etablierte so ein “abstraktes Leben“, welches aus dem elementaren Leben, in dem sich der Mensch je schon befindet, herausführte. Damit löste sich das Verhalten des Menschen aus dem komplexen Fundament seiner Umwelt, deren er Teil ist. Die Folge davon ist, daß sich im Verlauf der Geschichte, und insbesondere der Abendländischen, Gestaltungen heraus­bildeten, die sich vom Fundament des menschlichen Verhaltens, d.i. vom elementaren Leben, emanzipiert haben. Diese Gestaltungen sind nach von Weiz­säcker Theorie, Praxis und Kunst.

In diesen Gestaltungen nimmt die Neuzeit sich wahr. Durch die Verstellung des elementaren Lebens verlieren diese Artefakte ihre Einheit und Wahrheit. Dies führt zu einer Verselbständigung der Elemente unter dem Primat der Theorie. Aber gerade indem jedes dieser Elemente für sich den Anspruch erhebt, das Ganze des menschlichen Daseins und Verhaltens zu repräsentieren, werden sie unwahr und destruktiv.

Nur ein Bewußtseinswandel, der einer gemeinsam angewandten Vernunft Raum gibt, kann nach von Weizsäcker die Krise der Neuzeit vor ihren für die Menschheit tödlichen Konsequenzen bewahren. Dem hierbei von von Weiz­säcker in Anschlag gebrachten. Vernunftbegriff möchte ich in Form von zwei Thesen nachgehen.

1. Vernunft als Wahrnehmung eines Ganzen

Vernunft ist zunächst für von Weizsäcker kein Begriff der Theorie, sondern eine Fähigkeit, die im alltäglichen Umgang ihren Ort hat. Vernunft in diesem Sinne ist die Fähigkeit, eine Situation zu erfassen, und das Vermögen, sich in ihr zu orientieren, Gemeint ist also so et-

was wie ein intuitives Wahrnehmen der Umwelt in ihrer Ganzheit. Wir kennen gewisser­maßen schon immer die Situation, in der wir uns befinden, auch wenn wir sie nicht ausdrücklich vergegenwärtigen.

Zum erfolgreichen Handeln ist diese unausdrückliche Wahrnehmung der Situation unerläßlich. Dies gilt nach von Weizsäcker für alle Glieder im evolutiven Prozeß. Ohne eine Wahrnehmung der jeweiligen Umwelt und ein dieser entsprechendes Handeln, könnten Individuen und Gesellschaften in der Evolution nicht überleben.

Deshalb gehören Wahrnehmung und Handeln zusammen und sind nicht zu trennen. Wahrnehmung ist schon Handeln, Vernunft ist deshalb ein Vermögen, daß sich nicht in der Theorie erschöpft, sondern immer schon Praxis und Kunst mit impliziert. Von Weiz­säcker spricht deshalb von der Vernunft als einer “Fähigkeit zu wachem Handeln“ (Bewußtseinswandel, S. 147).

Vernunft nimmt das wahr, was gerade nicht begrifflich gefaßt werden kann, ja was sich dem Begriff entzieht, Sobald wir versuchen, das Ganze begrifflich zu fassen, es zu Ver­gegenständlichen, ist es nicht mehr das Ganze. Es ist nur noch ein partikularer Aus­schnitt aus der Wirklichkeit, Das Ganze entzieht sich dem Begriff, der es objektivierend vorstellen will. Gleichwohl ist der Mensch das Lebewesen, das Denken kann. Er hat Verstand und Willen. Verstand ist die Fähigkeit der diskursiven begrifflichen Erkenntnis. Dem Verstand ist der Wille konform. Das Instrumentarium von Willen und Verstand. ist das begriffliche Denken. Dieses kann verstanden werden als ein Probehandeln in der Vorstellung, welches aus der direkten Situation herausführt und damit diese in ihrer Integrität nicht mehr wahrnimmt. Wir stehen so der Welt gegenüber und nehmen sie aus der Distanz wahr. Damit leben wir nicht mehr im Augenblick, sondern jenseits der besonderen Situation, “Der Begriff, der Fernes verknüpft, zerlegt das Gegenwärtige, nimmt es nicht als Ganzes wahr. ‘Hier ist Geld zu verdienen‘ - und ich vergesse, daß ich damit meinen Nachbarn schädige, “(Bewußtseinswandel, S. 175)

Verstand und Willen haben sich von der Vernunft emanzipiert. Die technischen Erfolge der Neuzeit zeugen von der Macht der vernunftlosen Bruderkräfte Verstand und Willen. Hierin liegt die Gefahr für die Menschheit, Aber dennoch gibt es für v Weizsäcker kein zurück. Wir können nicht auf das Denken verzichten, ja gegen das Denken hilft nur Denken. Aber dieses Denken muß um die gefährliche Ambivalenz des Denkens wissen, darf davor nicht die Augen verschließen, Die Frage ist, wie es möglich sein kann, den Verstand und den Willen in die Vernunft zu integrieren?

2. Der Glaube als Fundament der Vernunft

Der Kern der Ambivalenz des neuzeitlichen Denkens liegt nach v Weizsäcker im Ich des Menschen, Ambivalenz meint hier die Nichtidentität des Menschen mit sich selbst. Im zwischenmenschlichen Bereich sind die Beziehungen unter den Menschen durch gegen­seitige Furcht stabilisiert, Von sich aus kann der Mensch nach v. Weizsäcker diese Furcht nicht überwinden, denn ihr liegt eine fundamentale Angst vor dem Dasein zugrunde. Das Ich ist so nicht auf das Ganze hin geöffnet, sondern verschlossen. Unter Glauben versteht v. Weiz­säcker, ein Offensein des Menschen auf das Ganze hin. Glaube ist eine unver­stellte Wahrnehmung des Ganzen. Möglich wird Glaube durch die Erfahrung der Liebe, die die gegenseitige Furcht überwindet. Die Erfahrung der Liebe macht es möglich, daß der Mensch der sein kann, der er immer schon ist. Er erfährt sich‘ als Geschöpf Gottes, das berufen ist, in solidarischer Gemeinschaft mit der Mitschöpfung zu leben.

Nach v. Weizsäcker ist es daher verfehlt, einen Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben zu statuieren. Die Trennung von Glauben und Vernunft ist aber gerade Resultat des verengten Wahrnehmungshorizontes der theorieförmigen Neuzeit. ‘Beides sind jedoch Wahrnehmungsweisen des Ganzen. Wo der Glaube Raum gewinnt, da ist Vernunft‘ als Wahrnehmung des Ganzen präsent. Durch die Liebe wird. Vernunft ermöglicht, und Vernunft fordert letztlich die Liebe.

Insofern ist es für v. Weizsäcker gerade der Glaube, der ein verantwortliches Denken ermöglicht. ‘Vernunft hat in dieser Perspektive ein theologisches Fundament, wobei v. Weizsäcker nicht nur die‘ christliche Tradition des Abendlandes im Blick hat. In den religiösen Erfahrungen der Menschheit ist Sinn und Wahrheit präsent, da sich hier die Wirklichkeit als sinnvolle Ganzheit erschließt.

Dies bedeutet jedoch für v. Weizsäcker nicht, daß man sich einfach unbefragt der über­lieferten Religion anheimgibt. Auch in den Religionen kann es zu verengter Wahrnehmung kommen. Die Religion ist ebenso unvollendet, wie das Projekt Aufklärung. Aber das sinnstiftende und integrierend Potential der Religion ‚ kann fruchtbar in den Dialog der ‚Gegenwart eingebracht werden. Die Erfahrung der Liebe, die in den Reli­gionen gegen­wärtig ist, kann zu einer Vernunft führen, die den Blick für das Ganze offen hält. Diese Vernunft weiß was sie tut. Sie hat Verstand und Willen integriert, und führt zu einem über­legten Handeln.

Schriften (Auswahl):

Das Problem der Zeit als philosophisches Problem, Berlin 1959.

Die philosophische Interpretation der modernen Physik, Halle 19754.

Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, München 19785.

Die Tragweite der Wissenschaft. Bd. I. Schöpfung und Weltentstehung. Die Geschichte zweier Begriffe, Stuttgart 1964.

Die Geschichte der Natur, Göttingen 19584.

Wahrnehmung der Neuzeit, München 19862.

Zum Weltbild der Physik, Stuttgart 19587.

Bewußtseinswandel, München 1988.

Zeit und Wissen, München 1993.

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